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Was ist der Calvinismus?

Was versteht man eigentlich unter Calvinismus (Kalvinismus)?

Zunächst einmal sollten drei Punkte kennen, um den Calvinismus einzuordnen:

 

  1. Es handelt sich beim Calvinismus um eine christliche Weltanschauung.
  2. Der Name Calvinismus geht auf Johannes Calvin zurück und vor allem auf ein systematisches Werk, in dem er den Glauben systematisch und sehr praktisch beschreibt. Dieses Werk nennt man "Institutio Christianae Religionis".
  3. Im Jahr 1619 wurden fünf Punkte gegen Irrlehrer verfasst, die die Kirche mit außerbiblischen Thesen angriffen. Diese 5 Punkte werden häufig auch die 5 Punkte des Calvinismus genannt, sind aber keineswegs geeignet den Calvinismus zu beschreiben.

 

Der Calvinismus war und ist ein fest eingesessenes System, dass viele Menschen mit Freiheit, Fleiß und Befreiung verbinden. Befreiung von den Zwängen und falschen Lehren der herrschenden Kirche, die nicht wandlungsbereit war. Allerdings sprach man dann lieber von Reformation oder der wahren kirchlichen Lehre.

Der Begriff Calvinismus war zu Beginn verhasst, weil er viel zu einschränkend war. Vielmehr wollten Christen reformiert sein, weil die Kirche sich weit weg von der Kirche und den 4 solas entwickelt hatte (Sola Scripture, Solus christus, Sola Gratia, Sola Fide). Menschen, die dies erkannten widmeten ihr Leben und ihr Werk alleine Christus und seinem Heilswerk. Sie benutzten dazu die Begriffe soli deo gloria. Alleine zur Ehre Gottes. Oft abgekürzt als SDG.

Einer der bekanntesten Komponisten klassischer Musik Johannes Sebastian Bach schriebt dies unter jedes Werk. Aber auch Rembrandt, Dürrenmatt und Vincent van Gogh oder Oliver Cromwell, ehemaliger englischer Premierminister, und viele andere waren stark vom Calvinismus geprägt.

Sie können beim Erforschen des Calvinismus erwarten, weit mehr als ein modernes und lebendiges theologisches Lehrsystem, was an sich schon beachtlich und begeisternd wäre, zu entdecken. Der Calvinismus ist im Grunde eine umfassende Weltanschauung, die etliche Fragen zur Lebensführung und den Zusammenhängen der Welt beantwortet.

Zu den Eckpfeilern zählen vor allem folgende Bereiche:

  • Wirtschaftsethik
  • Lebensführung
  • Die Souveränität Gottes

  • Die Lehre von Gottes Bund

  • Die Lehre der Gnade Gottes

  • Errettung alleine durch Christus

  • Die Erwählungslehre

  • Die Frage nach dem freien Willen des Menschen

  • Christliches Leben allein zur Ehre Gottes

  • Die Schöpfung durch den Schöpfer

  • vieles mehr

Vielleicht sind die bekanntesten Auswirkungen in der Wirtschaftsethik und auf die Staaten zu sehen. In der Zeit des aufblühenden Europas im 16.ten und 17.ten Jahrhundert prosperierten vor allem reformatorisch geprägte Städte und Länder. Calvinistische Wirtschaftsethik brachte hart arbeitende Menschen hervor, die bereit waren, jeden Überschuss für soziale geistliche Projekte zu Spenden. So entstanden Waisenhäuser, Krankenhäuser und viele soziale Einrichtungen.
Reformierte Christen unterstützen jede Form von Staatssystemen, bevorzugten Staatssysteme mit Gewaltenteilung und Kontrollfunktionen, da die Erfahrungen mit Aristokratien und Dynastien eher schlecht waren, da gebündelte Macht zu leicht zu Missbrauch führte. So beeinflussten Calvinisten die Demokratisierung von vielen Staaten und prägten auch Staatstheorien.
Calvinistische Weltanschauung trug auch zum Aufbau der amerikanischen Demokratie bei. Massgeblich war dabei die reformierte Bundestheologie/Föderaltheologie
Durch seine Erwählung schloss Gott einen Bund mit den Glaubenden, der dadurch Teil der Kirche Gottes wird. Bei den Kongregationalisten verdichteten sich diese theokratischen Gedanken zur politischen Form der Demokratie, die aber in England nicht zu verwirklichen war. Die dort verfolgten separatistischen bzw. puritanischen Kongregationalisten, die ab 1620 in das spätere Massachusets auswanderten, waren überzeugt, dass die Demokratie die „gottgemäße Staatsform“ ist.
In diesem Zusammenhang wurde auch im Gegensatz zu den Ländern, in denen der Staatsherrscher die Religion seines Volkes bestimmte, die Religionsfreiheit eingeführt. In den christlichen Auswandererstaaten zog diese Weltsicht direkt in die Verfassung ein (z.B. Rhode Island, Conneticut, Pennsylvania). Ein Novum, das in Europa erst später Akzeptanz fand.
Luther war im übrigen hier genau der gleichen Meinung wie Calvin, der auch für unbedingte Religionsfreiheit plädierte. Dies war in Europa jedoch sehr schwer umsetzbar.
Die in der Unabhängigkeitserklärung Amerikas erwähnten Menschenrechte wurde damals religiös-christlich begründet und nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, philosophisch oder naturrechtlich. Für das, was heute als Menschenrechte verstanden wird, kann als Grundlage die calvinistische Auffassung vom Menschen herangezogen werden. Dies verwundert eventuell den einen oder anderen, da man vermutet, dass Menschenrechte schon älter sein müssten. Die UN hat im Grunde als erstes Menschrechtspamphlet den sogenannten Kyros-Zylinder definiert, der den Menschen Religionsfreiheit zubilligte. Auch im Antiken Rom wurden gewisse Rechte für Viele als Menschenrechte betituliert, Allerdings wurde in der Regel mehr Menschen ausgeschlossen, die dann gar keine rechte hatten, zum Bespiel Sklaven, Frauen, Kinder oder "Fremde". Erst die Annahme des Menschen als Ebenbild Gottes führte dazu, dass allgemein gültige Rechte für alle Menschen erlassen wurden und mehr Menschen inkludiert wurden. Wohl gemerkt gab es auch bei der Besinnung auf calvinisische Weltanschaungen Einschränkungen, aber wesentlich geringere und wesentlich weniger umfangreich, so dass man den Geburtszeitpunkt der Menschenrechte auf die Staatsreformen nach der Reformation zurückführen kann.
Weiter prägten Menschen mit calvinistischer Weltanschauung auch Initiativen wie die Gründung des Roten Kreuzes (Henri Dunant) oder

Auf dieser Homepage soll ein Pool von deutschsprachigen Informationen für Suchende zur Verfügung gestellt werden.

Unweigerlich muss auch ein Schwerpunkt auf die 5 Punkte des Calvinismus gelegt werden. Als die 5 Punkte 1618/1619 in Dordrecht aufgegriffen wurden, stellen sie nur einen kleinen - wenn auch sehr wichtigen - aber nicht umfassenden Teil des Calvinismus dar. Wie so häufig entstehen wegweisende Dokumente erst im Angriff auf die eignen Lehren und so auch im 17.ten Jahrhundert als die Anhänger des Arminius die Wurzeln des reformierten Glaubens angriffen und die Kirche umformen wollten. Als Abwehrmaßnahme dazu haben die damaligen Kirchenführer in einer Antwortschrift auf die Angriffe der Remonstranten, das waren die Anhänger von Arminius, reagiert und eine Lehrregel verfasst, die die angegriffenen Bereiche beleuchtete. Nicht umfassend, aber gezielt gegen arminianische Lehrauffassung aufgebaut, wurde dieses Dokument, die so genannten Lehrregeln von Dordrecht, zu einem Meilenstein der reformierten Kirche. Diese Lehrregeln werden deshalb häufig mit "dem Calvinismus" gleichgesetzt. Calvin selbst war daran nicht beteiligt. Er war bereits lange tot (ca. 60 Jahre). Im Zentrum stand in dieser Zeit noch nicht einmal die Abwehr der Remonstranten, sondern viel mehr die unbedingte Treue zu den Lehren und Wahrheiten, die in der Bibel gegründet sind.

Wenn man ganz genau hinschaut war diese Problem nicht ganz neu: Bereits Augustinus (354-430 n.Chr.) beschäftigte sich mit den gleichen Fragen und wehrte die Angriffe der Anhänger von Pelagius ab, die, ähnlich wie die Arminianer, die Souveränität Gottes anzweifelten.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein ist die Schrift Institutio (Institutio christianae religionis). Sie ist das theologische Hauptwerk Johannes Calvins. 1536 zum ersten Mal in Basel erschienen durchlief sie einige Revisionen bis sie in der endgültigen Fassung seit 1559 in vier Teilen mit insgesamt 80 Kapiteln vorliegt.

Um den Calvinismus zu verstehen, ist es wichtig, etwas über den Tellerrand hinaus zu schauen und sich dabei ein genaues Bild des Umfeldes und der jeweiligen Situation zu verschaffen. Erst im Licht der Kirchengeschichte versteht man die einzelnen Abschnitte und Aussage richtig.

Demzufolge soll der letzte hier genannte Baustein zum Verstehen des Calvinismus auch die kirchliche Bedeutung sein. Im Laufe der Zeit haben sich Gemeinden der Reformation herausgebildet, die Gemeindestrukturen und Lehren des Kalvinismus abbildeten. Hierzu zählen Presbyterianische Kirchen, Puristische Kirchen, Episkopalkirchen und reformierte Baptistengemeinden.

Seit den ersten Tagen der Kirche schwingt sich ein Pfad der reformierten Kirche und des Calvinismus durch die Zeit bis hinein in unsere Tage. Es lohnt sich, zum Pfadfinder des Calvinismus zu werden.

 

 

Aktualisiert (Montag, den 07. November 2016 um 16:22 Uhr)

 

Kurzer Vergleich Arminianismus vs. Calvinismus

 

Thema

CALVINISMUS

ARMINIANISMUS

Erbsünde

Vollkommene Verdorbenheit und Schuld wird von Adam vererbt

Krankheit, die von Adam an alle Menschen vererbt wird

Der Wille des Menschen

Gebunden durch und an die Sünde

Frei, um das Gute zu wählen.

Die Gnade Gottes

Allgemeine Gnade für alle; rettende Gnade für die Erwählten

Gnade: Chance für alle; rettende Gnade für alle die Glauben

Vorherbestimmung

Begründet in Gottes Ratschluß

Begründet in Gottes Vorherwissen, dass ein mensch sich bekehrt

Wiedergeburt

unfreiwillig

freiwillig

Versöhnung

Christus Tod ist strafrechtlich ein ersetzendes Opfer

Christi Tod ist ein Opfer, das Gott wohlwollend annimmt an Stelle einer Bestrafung

Ausmaß der Versöhnung

Gilt für die Erwählten

Gilt für alle

Anwendung der Versöhnung

Durch die Kraft des heiligen Geistes nach dem Willen Gottes.

Durch den Heiligen Geist abhängig vom Willen des Sünders.

Ablauf der Rettung

Erwählung, Vorherbestimmung, Einheit mit Christus, Ruf, Wiedergeburt, Glaube, Buße, Rechtfertigung, Heiligung, Verherrlichung

Ruf, Glaube, Buße, Wiedergeburt, Rechtfertigung, Ausdauer, Verherrlichung

Heilsgewißheit

Sicherheit für alle Auserwählten durch die Gnade Gottes

Sicherheit hängt vom Gehorsam und der Ausdauer ab

Aktualisiert (Mittwoch, den 31. März 2010 um 21:18 Uhr)

 

Die 5 Punkte des Calvinismus Inhaltlich

Erst im späten 16.ten Jahrhundert und frühen 17.ten Jahrhundert lösten sich die Nachfolger des Arminius von den Wurzeln des reformierten Glaubens und wollten die Kirche umformen. Als Verteidigung und Abwehr dazu haben die damaligen Kirchenführer einen Antwortschrift auf die Angriffe der Remonstranten, das waren die Anhänger von Arminius, verfasst. Diese sogenannten Lehrregeln von Dordrecht entstanden einer Kirchenversammlung (Synode), die nach langen Beratungen und harten Auseinandersetzungen die entscheidenden Punkte herausgriff und zusammenfasste. Diese Lehrregeln werden häufig mit "dem Calvinismus" gleichgesetzt, obwohl Johannes Calvin bereits lange tot war und er an keiner Stelle beteiligt war.

Eine kurze Zusammenfassung der fünf Punkte finden Sie nachfolgend:

1. Absolute Unfähigkeit oder Totale Verderbtheit

Aufgrund des Sündenfalls ist der Mensch von sich heraus nicht fähig an das Evangelium zu glauben um zum Heil zu kommen. Der Sünder ist tot, blind, und taub den Dingen Gottes gegenüber; sein Herz ist betrügerisch und hoffnungslos verdorben. Sein Wille ist nicht frei, er ist versklavt an seine verdorbene Natur, deshalb will er nicht—de facto kann er nicht— in geistlichen Dingen das Gute gegenüber dem Bösen vorziehen. Daraus folgt, es erfordert viel mehr als die Hilfe des Geistes um einen Sünder zu Christus zu bringen—es erfordert die Wiedergeburt, bei der der Geist den Sünder zum Leben erweckt und ihm eine neue Natur gibt. Glaube ist nicht das was der Mensch zu seiner Rettung beiträgt, sondern ist selbst Teil von Gottes Geschenk des Heils—er ist die Gabe Gottes an den Sünder, aber nicht die Gabe des Sünders an Gott.

2. Unbedingte Erwählung

Gottes Erwählung zur Errettung bestimmter Menschen vor Grundlegung der Welt beruht einzig allein auf seinem souveränen Willen. Seine Auswahl von bestimmten Sündern basierte nicht auf irgendwelchen von Gott vorhergesehenen Gehorsamsakten dieser Menschen, wie z.B. Glaube, Buße, etc. Im Gegenteil, Gott schenkt Glauben und Buße einem jeden Menschen, den Er auserwählte. Glaube und Buße sind das Ergebnis, nicht der Grund für Gottes Erwählung. Die Erwählung ist demzufolge nicht bestimmt oder bedingt durch irgendeine innewohnende Qualität oder etwa einer von Gott vorhergesehenen Handlung des Menschen. Diejenigen, die Gott in seiner Souveränität auserwählt hat, die bringt er durch die Kraft des Heiligen Geistes zur willigen Annahme von Christus. Demnach ist Gottes Entscheidung für den Sünder, nicht die Entscheidung des Sünders für Christus, die eigentliche Ursache für die Errettung.

3. Spezielle Erlösung oder Beschränkte Wiedergutmachung

Das Erlösungswerk Christi war nur dazu bestimmt, die von Gott Auserwählten zu retten und ihre Rettung tatsächlich zu bewirken. Durch seinen stellvertretenden Tod ertrug Christus die Strafe der Sünde anstelle ganz bestimmter Sünder. Über die Hinwegnahme der Sünden der Seinen bewirkte das Erlösungswerk Christi alles was notwendig war zu ihrer Rettung, einschließlich dem Glauben, welcher sie mit Christus vereinigt. Der geschenkte Glauben wird mit absoluter Sicherheit vom Geist bei all denen gewirkt, für die Christus gestorben ist, und sichert somit ihr Heil.

4. Der wirksame Ruf des Geistes oder Unwiderstehliche Gnade

Zusätzlich zum äußerlichen und allgemeinen Ruf zur Rettung, der an jeden ergeht der das Evangelium hört, erreicht der Heilige Geist die Auserwählten mit einem besonderen inneren Ruf, der sie unweigerlich zum Heil bringt. Der innere Ruf (der nur an die Erwählten ergeht) kann nicht abgelehnt werden; er führt stets zur Wiedergeburt. Durch das Mittel dieses besonderen Rufs zieht der Geist unwiderstehlich zu Christus. In seinem Werk, das Heil zu bewirken, ist der Geist weder vom Menschen eingeschränkt, noch ist der Geist dabei auf die Kooperation des Menschen angewiesen. Der Geist bewirkt aus Gnade, daß der Mensch kooperiert, glaubt, Buße tut, aus freien Stücken und willig zu Christus kommt. Aus diesem Grund ist Gottes Gnade unwiderstehlich, sie versagt niemals darin, die Rettung derjenigen zu erwirken an welche sie gerichtet ist.

5. Das Durchhalten der Gläubigen

Alle, die von Gott erwählt wurden, erlöst von Christus, und denen der Glaube durch den Geist gegeben wurde, sind für immer gerettet. Sie werden im Glauben gehalten durch die Kraft des allmächtigen Gottes und halten demzufolge durch bis zum Ende.

aus The Five Points of Calvinism – Defined, Defended, Documented by David N. Steele and Curtis Thomas; published by the Presbyterian and Reformed Publishing Co., Phillipsburg, N.J. (Übersetzt 2000 von Stefan Fehlinger, Eckenbertstr. 38, 67549 Worms)

 

Aktualisiert (Montag, den 07. November 2016 um 14:07 Uhr)

 

Spurgeon über den Calvinismus

Spurgeon - über den Calvinismus

(ein persönliches Plädoyer)

Von Charles Haddon Spurgeon

 

Die alte Wahrheit, die Calvin gepredigt hat, die Wahrheit, die Augustin gepredigt hat, sie ist auch die Wahrheit, die ich heute predigen muß, sonst wäre ich unaufrichtig gegenüber meinem Gewissen und gegenüber Gott. Ich darf die Wahrheit nicht selbst gestalten; es ist mir fremd, die rauhen Kanten einer biblischen Lehre abzuschleifen. Ich habe das gleiche Evangelium, wie John Knox. Das, was durch Schottland gerauscht ist, muß auch wieder durch England rauschen.

Es ist großartig, wenn man sein Leben als Christ beginnt, indem man an gute und solide biblische Lehren glaubt. Manche Menschen haben in zwanzig Jahren zwanzig verschiedene Arten von »Evangelium« empfangen, und es ist nicht vorauszusagen, wie viele sie noch glauben werden, bevor sie an das Ende ihrer Reise kommen. Ich danke Gott, daß er mich früh das eine Evangelium gelehrt hat, mit dem ich vollständig zufrieden bin, daß ich nichts anderes kennenlernen will. Beständiger Wechsel des Glaubensbekenntnisses bedeutet nur Verluste. Wenn Menschen permanent ihre Bekenntnisse wechseln, wird wahrscheinlich keine gute Frucht zur Ehre Gottes dabei herausspringen. Das ist wie wenn ein Baum zwei- bis dreimal im Jahr von seinem Platz versetzt wird. Dann brauchst du keinen großen Speicher bauen, um die Äpfel lagern zu können.

Es ist gut, wenn junge Gläubige ihr Glaubensleben mit dem festen Vertrauen auf die großen grundlegenden Glaubenslehren beginnen, die der Herr in seinem Wort festgelegt hat. Hätte ich geglaubt, was manche predigen, daß es nur eine zeitweilige, eigentlich belanglose Errettung gäbe, wäre ich dafür kaum dankbar gewesen. Aber als ich wußte, daß Gott seine Erlösten mit einer ewigen Erlösung rettet, als ich wußte, daß er ihnen eine ewige Gerechtigkeit gibt, als ich wußte, daß er sie auf ein ewiges Fundament der ewigen Liebe stellt und sie in sein ewiges Königreich bringen wird, ja, da habe ich gestaunt, daß eine solche Segnung gerade mir zuteil geworden war!

"Pause, my soul! adore, and wonder!
Ask, 'Oh, why such love to me?'
Grace hath put me in the number
Of the Saviour's family:
Hallelujah!
Thanks, eternal thanks, to Thee

Ich denke, einige Leute neigen instinktiv zu der Lehre vom freien Willen. Ich kann nur sagen, daß ich zu der Lehre von der souveränen Gnade Gottes halte. Manchmal wenn ich die übelsten Personen unseres Viertels sehe, könnte ich in Tränen ausbrechen, dass mich Gott niemals wie diese Menschen handeln lassen hat. Ich dachte, wenn Gott mich alleine gelassen hätte, und mich nicht mit seiner Gnade erreicht hätte, welch ein großer Sünder wäre ich geworden. Ich hätte bestimmt die extremsten Sünden begangen, abgetaucht in die Tiefen des Satans, ohne Schranken und ohne Halt, wenn Gott mich nicht davor bewahrt hätte. Ich glaube, ich wäre der "König der Sünder" geworden, wenn er mich alleine gelassen hätte.

Ich kann nicht verstehen, warum ich gerettet wurde. Es gibt nur einen Grund dafür: Gott wollte es so. Ich kann selbst bei genauestem Hinschauen nicht entdecken, daß es da in mir selbst irgendeine Andeutung eines Grundes gibt, warum ich an der göttlichen Gnade Teilhaber werden durfte. Wenn ich jetzt in diesem Augenblick nicht ohne Christus bin, dann hat dies seine Ursache nur darin, daß Christus Jesus mit mir seinen Plan hat. Dieser Plan war, daß ich da sein sollte, wo er ist, und daß ich an seiner Herrlichkeit teilhaben sollte. Ich kann die Krone nirgendwohin legen als auf sein Haupt, das Haupt dessen, der mich gerettet hat von meinem Weg, der in die Hölle führte. Wenn ich so auf mein Leben zurückschaue, kann ich sehen, daß hinter allem Gott stand, Gott allein. Ich habe keine Fackel benutzt, um die Sonne zu erleuchten, sondern die Sonne hat mich erleuchtet. Ich habe mein geistliches Leben nicht selbst angefangen - nein, ich habe vielmehr gegen die Dinge des Geistes getreten und gekämpft; als er mich zog, bin ich ihm eine Zeitlang nicht gefolgt; in meiner Seele war ein natürlicher Haß gegen alles Heilige und Gute. Wehrufe über mich waren vergeblich, Warnungen wurden in den Wind geschlagen. Donnerschläge wurden mißachtet; und was das Flüstern seiner Liebe angeht, es wurde zurückgewiesen als etwas, das weniger ist als nichts. Und so bin ich mir heute sicher, daß ich es sagen kann: »Er allein ist meine Errettung.« Er war es, der mein Herz herumwendete und mich auf meine Knie brachte vor ihm.

I kann es wie Doddridge und Toplady (Anm.: zwei reformatorische Theologen) mit aller Überzeugung sagen:

"Die Gnade befahl meiner Seele zu beten, und ließen meine Augen überfließen."

Und genau an dieser Stelle kann ich hinzufügen:

"Diese Gnade hat mich bis an den heutigen Tag behütet,

und wird mich nicht mehr loslassen."

Gut kann ich mich daran erinnern, wie ich die Lehren der Gnade in einem einzigen Augenblick gelernt habe. Wie wir es alle von Natur aus sind, wurde ich als ein Arminianer geboren. Ich glaubte fest daran, was ich immer wieder von der Kanzel herunter gehört hatte, und sah die Gnade Gottes nicht. Als ich auf dem Weg zu Christus war, dachte ich, ich würde es ganz allein tun, und obwohl ich den Herrn ernstlich suchte, hatte ich keine Ahnung, daß er mich suchte. Ich glaube nicht, daß ein Jung-Bekehrter sich dessen bewußt ist. Ich kann noch den Tag und die Stunde nennen, als ich zum ersten Mal diese Wahrheiten in mir selbst begriff - als sie, wie John Bunyan es sagt, in mein Herz eingebrannt wurden wie mit einem heißen Eisen, und ich erinnere mich, daß ich den Eindruck hatte, in einem Augenblick vom Baby zum erwachsenen Mann gewachsen zu sein. Ich hatte einen Fortschritt im biblischen Wissen gemacht, als ich ein für allemal herausgefunden hatte, was der Schlüssel für die Wahrheit Gottes ist.

An einem Wochentag saß ich abends im Haus Gottes. Ich dachte nicht sehr viel nach über das, was der Prediger sagte, denn ich glaubte es nicht. Der Gedanke traf mich: »Wie bist du ein Christ geworden?« Ich habe den Herrn gesucht. »Aber wie bist du darauf gekommen, den Herrn zu suchen?« In diesem einzigen Augenblick leuchtete die Wahrheit in mir auf - ich hätte ihn nicht gesucht, wenn er nicht schon vorher meine Gedanken beeinflußt hätte, indem er mich dazu brachte, ihn zu suchen. Ich betete, so dachte ich, aber dann fragte ich mich: Wie kam ich dazu, zu beten? Ich wurde durch die Heilige Schrift zum Beten ermuntert. Wie kam ich dazu, die Heilige Schrift zu lesen? Ich las sie, aber was hatte mich dazu gebracht?

Da, in einem Augenblick, sah ich, daß Gott der Urgrund aller Dinge ist, daß er der Urheber meines Glaubens war, und so öffnete sich die ganze Lehre der Gnade vor mir. Von dieser Zeit an habe ich nicht von ihr gelassen, und ich möchte, daß dies immer mein beständiges Bekenntnis ist: »Ich verdanke meine ganze Veränderung nur Gott.«

Als erstes möchte ich fragen: Müssen wir nicht alle zugeben, daß es Gottes Vorhersehung und seine Hand war, die uns in diese Welt gebracht haben? Auch jene Menschen, die der Meinung sind, daß wir später unseren eigenen freien Willen haben, um unsere Füße in diese oder jene Richtung zu lenken, müssen doch zugeben, daß wir nicht durch unseren eigenen Willen in diese Welt gekommen sind, sondern daß Gott dies für uns entschieden hat. Welche der Umstände haben wir denn in unserer Hand gehabt, die es uns erlaubt hätten, bestimmte Menschen als unsere Eltern auszuwählen? Hatten wir damit irgend etwas zu tun? Hat nicht Gott selbst unsere Eltern bestimmt, wie auch unseren Geburtsort und unsere Freunde? War es nicht in seiner Hand, mich mit der Haut eines Hottentotten geboren werden zu lassen, zur Welt gebracht von einer Mutter, die mich in ihrem »Kraal« großzieht und mich lehrt, vor heidnischen Göttern die Knie zu beugen? Und konnte er mir nicht genauso leicht eine fromme Mutter geben, die jeden Morgen und jeden Abend ihre Knie beugt, um für mich zu beten?

John Newton erzählte gerne eine wunderliche Geschichte, über die er dann auch immer selber lachen mußte: Eine gute Frau sagte, um die Lehre der Erwählung zu beweisen: »Ach, wissen Sie, der Herr muß mich geliebt haben, bevor ich geboren war; hinterher hätte er an mir nichts Liebenswertes mehr gesehen.« Ich bin sicher, daß dies auch in meinem Fall so ist. Ich glaube an die Lehre der Erwählung, denn ich bin mir ganz sicher, daß, wenn Gott mich nicht erwählt hätte, ich niemals ihn erwählt hätte. Und ich bin mir sicher, daß er mich erwählt hat, bevor ich geboren war, hinterher hätte er mich nicht mehr erwählt. Und er muß mich aus Gründen erwählt haben, die mir unbekannt sind, denn ich konnte in mir selbst nie einen Grund finden, warum er mich mit besonderer Liebe hätte anschauen sollen. So bin ich also gezwungen, diese große biblische Lehre anzunehmen.»

Ich erinnere mich an einen arminianischen Bruder, der mir sagte, er habe die Bibel zwanzigmal oder mehr durchgelesen und die Lehre der Erwählung in ihr nicht gefunden. Dann fügte er hinzu, daß er sie sicher gerunden hätte, wenn sie da wäre, denn er habe die Bibel auf seinen Knien gelesen. Ich sagte zu ihm:

»Ich denke, du hast die Bibel in einer sehr unkomfortablen Lage gelesen. Hättest du sie in deinem Sessel gelesen, dann hättest du sie auch vielleicht besser verstanden. Bete so, und je mehr, je besser. Aber es ist ein Stück Hochmut zu denken, es hätte irgendeine Bedeutung, in welcher Körperhaltung ein Mensch die Bibel liest. Und was das zwanzigfache Durchlesen der Bibel betrifft, ohne etwas über die Lehre der Erwählung gefunden zu haben: Es ist ein Wunder, daß du überhaupt etwas gefunden hast. Du mußt mit einer solchen Geschwindigkeit hindurchgaloppiert sein, daß es nicht zu erwarten war, überhaupt einen vernünftigen Gedanken über die Bedeutung der Heiligen Schrift zu bekommen.«

Wenn es schon wunderbar ist, einen Fluß zu sehen, wie er ausgewachsen aus der Erde entspringt, wie wäre es dann, eine riesige Quelle zu sehen, aus der all die Ströme der Erde zugleich herausfließen würden, eine Million, alle in einer Geburt geboren? Was für eine Schau wäre dies! Wer kann sich so etwas vorstellen? Und doch ist die Liebe Gottes diese Quelle, in der all die Ströme der Güte, die jemals die Menschheit erfreut haben - all die Ströme der Gnade zu jeder Zeit und der Herrlichkeit später - ihren Ursprung haben. Meine Seele, steh du an diesem heiligen Quellgrund und lobe und verherrliche Gott für immer und ewig; Gott, der sogar unser Vater ist, der uns geliebt hat! Vom Anfang an, als dieses große Universum noch in Gott verborgen lag wie ungeborene Wälder in dem Eichen-Samen, lange bevor ein Echo die Einöde aufweckte, bevor die Berge geboren wurden und lange bevor das Licht durch den Himmel strahlte, liebte Gott seine Geschöpfe. Bevor es irgendein erschaffenes Wesen gab - als der Äther noch nicht durch Engelsflügel bewegt wurde, als der Weltraum selbst noch nicht existierte, als es nichts gab als Gott allein - selbst da, in jener Einsamkeit der Gottheit und in dieser tiefen Stille und Tiefgründigkeit wurde sein Innerstes von der Liebe für seine Erwählten bewegt. Ihre Namen waren in sein Herz geschrieben und seiner Seele lieb. Jesus liebte sein Volk vor Grundlegung der Welt - ja, von Ewigkeit her! Und als er mich in seiner Gnade rief, sagte er zu mir: »Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.«

Dann, als die Zeit erfüllt war, reinigte er mich mit seinem Blut. Er ließ sein Herz in einem großen Stoß für mich verbluten, sein Herz, das schon lange, bevor ich ihn liebte, für mich verwundet worden war. Als er das erstemal zu mir kam, habe ich ihn da nicht verschmäht und abgewiesen? Als er an meine Tür klopfte und um Einlaß bat, habe ich ihn nicht weggeschickt und seine Gnade abgelehnt? Ach! Ich weiß noch genau, daß ich dies jedesmal und immer wieder getan habe, solange, bis er schließlich durch die Macht seiner wirksamen Gnade sagte: »Ich muß, ich werde hineinkommen.« Dann kehrte er mein Herz um und brachte mich dazu, ihn zu lieben. Ist mein Heiland für mich gestorben, weil ich an ihn geglaubt habe? Nein, ich lebte damals noch gar nicht. »Aber«, sagt vielleicht jemand, »er sah voraus, daß du Glauben haben würdest und deshalb liebte er dich.« Was sah er denn voraus in bezug auf meinen Glauben? Sah er voraus, daß ich von mir selbst aus Glauben haben würde und ihm von mir selbst aus vertrauen würde? Nein, Christus konnte dies nicht voraussehen, denn kein Christ kann jemals sagen, daß der Glaube von ihm selber komme ohne die Gabe und ohne das Werk des Heiligen Geistes. Ich habe sehr viele Gläubige getroffen und mit ihnen über diese Frage gesprochen. Aber ich kenne nicht einen einzigen, der seine Hand auf sein Herz legen würde und sagen: »Ich glaubte an Jesus ohne den Beistand des Heiligen Geistes.«

Ich muß die Lehre der Verdorbenheit des menschlichen Herzen glauben, denn ich finde, daß ich selbst in meinem Herzen verdorben bin, und habe täglich Beweise dafür, daß in meinem Fleische nichts Gutes wohnt. Wenn Gott einen Bund mit dem noch nicht gefallenen Menschen schließen würde, dann wäre der Mensch noch immer eine Kreatur von so unbedeutendem Wert, daß es ein Akt der gnädigen Herablassung Gottes wäre, wenn er sich mit ihm verbände. Aber wenn Gott einen Bund mit dem sündigen Menschen macht, einer so widerspenstigen Kreatur, ist ein solcher Bund für Gott ein Akt der reinen, freien, reichen und souveränen Gnade.

Ein kürzlich verstorbener Mann hat unter ein Porträt von sich den höchst bemerkenswerten Text gesetzt: »Die Rettung ist des Herrn«. Dies ist soviel wie ein Synonym für Calvinismus. Wenn mich jemand fragen würde, was ich unter einem Calvinisten verstehe, dann würde ich antworten: »Das ist einer, der sagt: Die Rettung ist des Herrn.« Ich kann in der Heiligen Schrift keine andere Lehre finden. Sie ist die Essenz der Bibel. »Er allein ist mein Fels und meine Rettung.« Sage mir irgend etwas, was dieser Wahrheit widerspricht, und es wird eine Irrlehre sein. Sage mir eine Irrlehre, und ich werde ihren Ursprung hierin finden, daß sie sich entfernt hat von dieser großen, dieser fundamentalen, dieser felsenfesten Wahrheit: »Gott ist mein Fels und meine Rettung.« Was ist die Irrlehre Roms anderes, als daß man zu dem vollkommenen Verdienst Jesu Christi etwas hinzugefügt hat - daß man die Werke des Fleisches mit hineingebracht hat, um uns in unserer Rechtfertigung beizustehen? Und was ist die Irrlehre der Arminianer anderes als die Hinzufügung von etwas zu dem Werk des Erlösers? Jede Irrlehre, wenn man ihren eigentlichen Ansatzpunkt nimmt, läßt sich hierauf zurückführen. Ich meine, daß man nicht Christus und ihn als den Gekreuzigten predigen kann, wenn man nicht das predigt, was man heute gemeinhin Calvinismus nennt. Der Name »Calvinismus« ist eigentlich ein Spitzname. Calvinismus ist Evangelium, nichts anderes.

Wenn einer der Heiligen Gottes verlorengeht, dann können alle verlorengehen. Wenn ein Teilhaber am Bund verlorengeht, dann können alle verlorengehen, und dann gibt es keine Verheißung des Evangeliums mehr, die wahr ist. Dann ist die Bibel eine Lüge, und es ist in ihr nichts, was meiner Annahme wert wäre. Gott ändert seinen Plan nicht, warum sollte er? Er ist der Allmächtige und kann deshalb tun, was immer er will. Warum sollte er nicht? Gott ist allwissend und kann daher nichts falsch planen. Warum sollte er? Er ist der ewige Gott und kann daher nicht sterben, ohne daß sein Plan vollendet wäre. Warum sollte er sich ändern? Ihr wertlosen Atome der Erde, Strohfeuer eines einzigen Tages, ihr kriechenden Insekten auf dem Lorbeerblatt der Existenz, ihr mögt eure Pläne ändern, aber er niemals. Hat er mir gesagt, daß es sein Plan ist, mich zu retten? Dann bin ich für immer gerettet.

Ich weiß nicht, wie manche Leute, die denken, daß ein Christ aus der Gnade fallen kann, es fertig bringen, glücklich zu sein. Wenn ich nicht an die Lehre der endgültigen Bewahrung der Heiligen glaubte, wäre ich der Elendeste unter allen Menschen, denn dann hätte ich keine Ursache des Trostes mehr. Ich glaube, daß die glücklichsten und echtesten Christen jene sind, die es niemals wagen, an Gott zu zweifeln, sondern die sein Wort einfach so, wie es dasteht, annehmen, es glauben und nicht in Frage stellen, weil sie wissen, daß, wenn Gott es so sagt, es auch so ist. Ich bezeuge, daß ich keinen Grund habe, an meinem Herrn zu zweifeln. Ich fordere Himmel und Erde und Hölle auf, einen Beweis dafür zu erbringen, daß Gott unwahrhaftig wäre. Er ist ein Gott, der seine Versprechen hält. Dies wird sich an jedem einzelnen aus seinem Volk zeigen.

Ich weiß wohl, daß es einige gibt, die es für ihr System der Theologie für unerläßlich halten, den Wert des Blutes Jesu zu begrenzen. Wenn mein theologisches System eine solche Begrenzung nötig hätte, dann würde ich es in den Wind schlagen. Ich kann und wage nicht, diesen Gedanken in meinem Denken zuzulassen, es scheint mir zu nahe an einer Lästerung zu liegen. Der Wert des vollendeten Werkes Jesu Christi füllt ein weites Meer. Mein Senkblei findet keinen Grund und mein Auge erblickt kein Ufer. Es muß im Blut Christi genügend Wirkungskraft liegen, daß Gott, wenn er es gewollt hätte, nicht nur alle in dieser Welt, sondern auch alle in zehntausend anderen Welten hätte retten können, wenn sie das Gesetz ihres Schöpfers übertreten hätten. Wenn man, ihm erst einmal die Unendlichkeit zugesteht, dann ist eine Begrenzung nicht mehr denkbar. Wenn man eine göttliche Person als Opfer hat, ist es unmöglich, noch an einen begrenzten Wert zu denken. Die Begriffe »Grenze« und »Einschränkung« sind Begriffe, die sich nicht auf das göttliche Opfer anwenden lassen. Die Absicht des göttlichen Vorhabens bestimmt zwar die Anwendung des unendlichen Opfers, macht es aber nicht zu einem endlichen Werk.

»Eine große Menge, die kein Mensch zählen kann«, wird im Himmel sein. Ich denke, mehr als in der Hölle, weil Christus »in allem den Vorrang« hat, und ich kann mir nicht vorstellen, daß mehr unter Satans Herrschaft sind als unter der Christi. Außerdem habe ich nirgends gelesen, daß es in der Hölle so große Mengen gäbe, die niemand zählen kann.

Dann gibt es einige, die lieben die Lehre der Universalversöhnung 1, weil sie sagen: »Sie ist so wundervoll. Es ist eine liebenswerte Idee, daß Christus für alle Menschen gestorben ist; sie empfiehlt sich von selbst dem Gefühl des Menschen. Es liegt etwas von Freude und Schönheit darin.« Ich gebe zu, daß das stimmt, aber sehr oft ist Schönheit mit Falschheit gepaart. Vieles an dieser Idee der Universalversöhnung1 könnte ich bewundern, aber ich will hier einfach nur zeigen, was diese Annahme notwendig mit sich bringt.

Wenn Christus an seinem Kreuz starb, um alle Menschen zu retten, dann war es auch sein Vorsatz, jene zu retten, die vor ihm gestorben und verloren gegangen sind. Wenn diese Lehre stimmt, dann starb er also für einige, die schon in der Hölle waren, bevor er in diese Welt kam, denn ohne Zweifel gab es schon damals unzählig viele, die wegen ihrer Sünden verworfen worden waren. Noch einmal: Wenn Christus vorhatte, alle Menschen zu retten, wie kläglich ist er dann enttäuscht worden, denn wir haben doch sein eigenes Zeugnis, daß es einen See gibt, der mit Feuer und Schwefel brennt, und in eben diesen See sind nun welche von denen geworfen worden, für die er, der Universalversöhnung1 zufolge, mit seinem Blut bezahlt hat. Dies aber scheint mir ein Gedanke zu sein, der tausendmal mehr verwerflich ist als alle Folgerungen, denen man nach für Menschen starb, die in der Hölle waren oder sind, scheint mir eine Vorstellung zu sein, die zu schrecklich ist, um sie aufrecht zu erhalten.

Es gibt niemand, der mehr an den Lehren der Gnade festhält als ich. Wenn mich jemand fragte, ob ich mich schäme, ein Calvinist genannt zu werden, dann würde ich antworten: Ich möchte nichts anderes heißen, als Christ. Aber wenn du fragst, ob ich die lehrmäßigen Anschauungen von Johannes Calvin für richtig halte, dann antworte ich, daß ich sie im großen und ganzen für richtig halte. Ich bekenne dies gerne. Aber es liegt mir fern zu denken, daß Zion nur calvinistische Christen enthält, oder daß niemand gerettet würde, der nicht an diese Lehren glaubt. Es sind schon ganz furchtbare Dinge gesagt worden über den angeblichen Charakter und die geistliche Art von John Wesley, den modernen Vertreter des Arminianismus. Ich kann nur sagen, daß ich - auch wenn ich manche der Lehren, die er verkündigt hat, ablehne - für ihn persönlich eine Hochachtung empfinde, die keinem seiner Anhänger nachsteht. Wenn man noch zwei Apostel zu den Zwölfen hinzufügen müßte, dann, glaube ich, könnte man niemand finden, der dafür mehr geeignet wäre als George Whitefield und John Wesley.

Ich glaube nicht, daß ich mich von meinen hyper-calvinistischen Brüdern in irgendeinem Punkt dessen, was sie glauben, unterscheide; aber ich unterscheide mich von ihnen in bezug auf das, was sie nicht glauben. Ich halte nicht an weniger fest, als sie es tun, aber ich halte an ein klein wenig mehr fest, ein klein wenig mehr - wie ich denke - von der Wahrheit der Heiligen Schrift. Das System der Wahrheit, das in der Heiligen Schrift offenbart ist, ist nicht eine gerade Linie; es sind zwei. Und niemand wird jemals eine richtige Sicht des Evangeliums erhalten, bevor er nicht gelernt hat, beide Linien zugleich zu sehen. Zum Beispiel lese ich in einem Buch der Bibel: »Der Geist und die Braut sagen: >Komm.< Und wer es hört, der sage: >Komm.< Und wen dürstet, der komme und nehme das Wasser des Lebens umsonst.« Und doch lerne ich an einer anderen Stelle desselben inspirierten Wortes Gottes, daß es nicht »an jemandes Wollen oder Laufen« liegt, »sondern an Gottes Erbarmen«. An der einen Stelle sehe ich, wie Gott in seiner Vorhersehung über allem steht, und doch sehe ich auch, und ich kann nicht daran vorbei, daß der Mensch handelt, wie er will, und daß Gott sein Handeln in einem großen Maße ihm selbst überlassen hat und seinem eigenen freien Willen. Wenn ich nun auf der einen Seite behaupten würde, daß der Mensch so frei ist in seinem Handeln, daß es keine Kontrolle Gottes über sein Tun gäbe, dann wäre ich sehr gefährlich nahe an den Atheismus herangekommen. Wenn ich auf der anderen Seite erklären würde, daß Gott alle Dinge so sehr überwacht, daß der Mensch nicht frei genug ist, um selbst verantwortlich zu sein, dann wäre ich sofort beim Antinomismus oder Fatalismus. Daß Gott vorherbestimmt und daß der Mensch doch selbst verantwortlich ist, sind zwei Tatsachen, die nur wenige klar sehen. Man hält sie für unvereinbar miteinander und für Widersprüche, aber sie sind es nicht. Der Fehler liegt in unserem schwachen Beurteilungsvermögen. Zwei Wahrheiten können sich nicht gegenseitig ausschließen. Wenn ich also an einer Stelle der Bibel finde, daß alles von oben her bestimmt ist, dann ist das wahr. Wenn ich dann an einer anderen Stelle finde, daß der Mensch für alle seine Taten verantwortlich ist, dann ist auch das wahr. Es ist einzig und allein meine Dummheit, die mich dazu bringt, zu denken, diese beiden Wahrheiten könnten sich jemals widersprechen. Ich glaube nicht, daß sie je auf irgendeinem irdischen Amboß zu einer einzigen Wahrheit zusammengeschmiedet werden können, aber sie werden sicher in der Ewigkeit eins sein. Sie sind zwei Linien, die so parallel sind, daß der menschliche Verstand ihnen so weit, wie es geht, folgen kann, ohne zu sehen, daß sie sich jemals treffen. Aber sie treffen sich und werden eins, irgendwo in der Ewigkeit, nahe bei dem Thron Gottes, wo alle Wahrheit entspringt.

Oft wird gesagt, die Glaubenslehren, die wir glauben, hätten eine Tendenz, uns zur Sünde zu verführen. Ich habe schon die Behauptung gehört, diese hohen Lehren, die wir lieben und die wir in der Heiligen Schrift finden, seien unsittliche Lehren. Ich möchte wissen, wer sich noch traut, eine solche Behauptung zu machen, wenn er weiß, daß die heiligsten Männer an diese Lehren geglaubt haben. Ich frage denjenigen, der es wagt zu sagen, daß Calvinismus eine unsittliche Religion sei, was er denn über den Charakter von Augustin, Calvin oder Whitefield denkt, die in verschiedenen Jahrhunderten die großen Vertreter des Systems der Gnade waren. Oder was will er über die Puritaner sagen, deren Bücher voll davon sind? Wäre in jenen Tagen einer Arminianer gewesen, dann hätte man ihn als abscheulichsten Irrlehrer, der auf dieser Erde atmet, angesehen. Heute sieht man uns als Irrlehrer an, sie sind die Orthodoxen. Aber wir haben den Glauben der alten Schule, wir können uns auf die Apostel zurückführen. Es ist diese Ader der freien Gnade, die durch die Verkündigung der Baptisten läuft, die uns als Denomination gerettet hat. Wäre dies nicht gewesen, gäbe es uns heute überhaupt nicht. Wir können eine goldene Linie bis hin zu Jesus Christus ziehen, eine heilige Folge von mächtigen Vätern, die alle diese wunderbaren Wahrheiten festhielten, und fragen: »Wo findet man bessere und heiligere Menschen auf der Erde?« Keine Lehre eignet sich so gut dazu, Menschen vor der Sünde zu bewahren, wie die Lehre der Gnade Gottes. Wer sie eine »unsittliche Lehre« genannt hat, wußte nichts von ihr.

Oh, wie armselig sind diese Dinge! Die Gegner der Lehre der Gnade Gottes wußten kaum, dass ihre eigenen nichtswürdigen Lehren die unsittlichsten auf der Welt waren. Wenn sie die Gnade Gottes wirklich kennen würden, würden sie schnell entdecken, dass es kein Entrinnen vor der Erkenntnis gibt, dass wir vor Grundlegung der Welt auserwählt sind. Es gibt nichts Vergleichbares, wie den Glauben an meine ewige Bewahrung (eternal perseverance) und die Unveränderlichkeit der Zuneigung meines Vater, die mich aus purer Dankbarkeit nah bei ihm halten kann. Nichts macht einen Menschen so geradlinig, wie der Glaube an die Wahrheit.

Lügen-Lehren werden bald in ein Lügen-Leben münden. Ein Mensch kann nicht einen fehlerhaften Glauben haben, ohne nicht Stück für Stück auch einen fehlerhaften Lebenswandel zu haben. Ich glaube, das eine bedingt das andere.

Von allen Menschen, haben diejenigen die uneigennützige Zurückhaltung, die aufrichtigste Ehrerbietung, die leidenschaftliche Hingabe, die glauben, dass sie aus Gnade ohne Werke durch den Glauben und das nicht aus sich selbst gerettet sind, sondern durch die Gabe Gottes. Christen sollten aufpassen und erkennen, dass es so ist, damit nicht etwa irgendwie Christus noch einmal gekreuzigt werden muß und zur Schande für alle gemacht wird.

Aufbereitet und aus dem englischen übersetzt durch Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ©2000; teilweise stark an CLV (Autobiographie Spurgeons) angelehnt

Fußnote

1 (Anm.: nicht Allversöhnung, eng. universalists, Spurgeon benutzt hier den eng. Begriff Universal atonement/ universal redemption, um die Position der Arminianer zu beschreiben. Gemeint ist hier das Ausmaß des Sündopfers am Kreuz: Laut Universalisten ist es ein Angebot für alle, das erst wirksam wird, wenn der Mensch es annimmt. Demgegenüber steht der Partikularismus der Calvinisten, die festhalten, dass Christus am Kreuz tatsächlich das Heil bewirkt und es auch sofort wirksam wurde, allerdings nur für einen Teil der Menschen, daher wird der Begriff Partikularismus -Partikel=Teil- abgeleitet)

Aktualisiert (Samstag, den 03. April 2010 um 18:50 Uhr)