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Kapitel 4-8
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Aus der Institutio

IV,15,1

Die Taufe ist ein Zeichen der Einweihung, durch das wir in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden, um in Christus eingeleibt und damit zu den Kindern Gottes gerechnet zu werden. Sie ist uns aber nun – wie das nach unserer obigen Darlegung bei allen Sakramenten der Fall ist – von Gott zu dem Zweck gegeben, daß sie zum ersten unserem Glauben vor ihm und zum zweiten unserem Bekenntnis vor den Menschen diene. Auf die Art und Weise jeder dieser beiden Wirkungsformen wollen wir der Reihe nach eingehen.
Unserem Glauben leistet die Taufe einen dreifachen Dienst, den wir auch seinerseits Stück für Stück behandeln müssen.
Der erste besteht darin, daß sie uns von dem Herrn vor Augen gestellt wird, um ein Merkzeichen und Beweis unserer Reinigung zu sein oder – um besser auseinanderzusetzen, was ich meine – gleichsam eine unterschriebene Urkunde, mit der er uns bekräftigen will, daß alle unsere Sünden dergestalt abgetan, ausgestrichen und getilgt sind, daß sie nie mehr vor sein Angesicht kommen, daß ihrer nicht mehr gedacht wird und sie nicht mehr angerechnet werden. Denn er will, daß alle, die da glauben, zur Vergebung der Sünden getauft werden.
Daher haben diejenigen, die da gemeint haben, die Taufe sei nichts anderes als ein Erkennungsmerkmal oder Kennzeichen, mit dem wir unsere Religion vor den Menschen bekennten – so wie die Soldaten die Zeichen ihres Feldherrn tragen, um damit zu zeigen, daß sie seine Soldaten sind –, das nicht in Erwägung gezogen, was an der Taufe das erste war. Dies erste aber ist, daß wir die Taufe unter der Verheißung empfangen sollen: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden“ (Mark. 16,16).

IV,15,2

In diesem Sinne ist es aufzufassen, wenn Paulus schreibt, die Kirche sei von Christus, ihrem Ehegemahl, geheiligt worden und „gereinigt durch das Wasserbad im Wort“ des Lebens (Eph. 5,26). Und ebenso, wenn es an anderer Stelle heißt: „Nach seiner Barmherzigkeit machte er uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes“ (Tit. 3,5). Im gleichen Sinne lesen wir bei Petrus, daß uns die Taufe selig mache (1. Petr. 3,21).
Denn Paulus hat mit seinen Worten nicht zu verstehen geben wollen, daß unsere Abwaschung und unsere Seligkeit durch das Wasser zustande kämen oder daß das Wasser die Kraft in sich trüge, uns zu reinigen, die Wiedergeburt zu schaffen oder Erneuerung zu schenken. Ebenso will auch Petrus nicht zum Ausdruck bringen, daß in diesem Sakrament die Ursache zur Seligkeit ergriffen würde, sondern er will nur zeigen, daß wir darin die Erkenntnis und Gewißheit solcher Güter erlangen; das wird auch durch den gegebenen Wortlaut deutlich genug dargetan. Denn Paulus nennt das Wort des Lebens und die Taufe miteinander in enger Verbindung, als wollte er sagen: durch das Evangelium wird uns die Botschaft von unserer Abwaschung und Reinigung zugetragen, und durch die Taufe wird solches Zeugnis versiegelt. Und Petrus fährt (an der genannten Stelle) unmittelbar fort, jene Taufe sei nicht die Ablegung der Befleckungen des Fleisches, sondern ein gutes Gewissen vor Gott (1. Petr. 3,21); dies aber kommt ja aus dem Glauben. Ja, die Taufe verheißt uns keine andere Reinigung als die, welche durch die Besprengung mit dem Blute Christi geschieht; denn dies Blut wird durch das Wasser bildlich dargestellt, das ja in ähnlicher Weise die Eigenschaft hat, zu reinigen und abzuwaschen. Wer will also behaupten, wir würden durch das
Wasser gereinigt, während eben dies doch sicher bezeugt, daß Christi Blut das wahre und einige Reinigungsbad ist? Daher ist es nicht möglich, einen klareren Grund zur Widerlegung der Phantastereien solcher Leute zu suchen, die alles auf die Kraft des Wassers beziehen, als eben aus der Bedeutung der Taufe selbst; denn die Taufe zieht unsere Sinne von jenem sichtbaren Element (eben dem Wasser), das uns vor die Augen gebracht wird, wie von allen anderen Mitteln ab, um sie allein an Christus zu binden.

IV,15,3

Man darf nun aber nicht glauben, die Taufe finde ihre Anwendung bloß im Bezug auf die Vergangenheit, so daß wir also für neue Versündigungen, in die wir nach der Taufe verfallen, andere, neue Sühnemittel suchen müßten, und zwar in wer weiß welchen anderen Sakramenten, als ob die Kraft der Taufe erloschen wäre. Durch diesen Irrtum ist es in alter Zeit dahin gekommen, daß manche Leute erst in äußerster Lebensgefahr, ja, erst wenn sie in den letzten Zügen lagen, durch die Taufe eingeweiht werden wollten, damit sie dergestalt für ihr ganzes Leben Vergebung erlangten. Gegen diese unangebrachte Vorsicht sprechen sich die alten Bischöfe in ihren Schriften sehr oft tadelnd aus. Zu welcher Zeit wir nun die Taufe auch empfangen mögen, so müssen wir stets das bedenken, daß wir damit zugleich für unser ganzes Leben abgewaschen und gereinigt werden. Sooft wir also in Sünde gefallen sind, sollen wir uns unsere Taufe ins Gedächtnis zurückrufen und unser Herz damit wappnen, damit es allezeit der Vergebung der Sünden gewiß und sicher sei. Denn obwohl es den Anschein hat, als ob die Taufe, einmal vollzogen, nun vergangen sei, so ist sie doch durch die späteren Sünden nicht abgetan. Denn es ist uns ja in ihr die Reinheit Christi dargereicht worden, und die bleibt allezeit in Kraft und wird von keinerlei Flecken überdeckt, sondern deckt alle unsere Unreinigkeiten zu und tilgt sie weg.
Dennoch dürfen wir hieraus für die Zukunft keine willkürliche Freiheit zum Sündigen herleiten, wie wir ja von dieser Erwägung aus in keiner Weise zu solcher Vermessenheit unterwiesen werden. Nein, diese Lehre wird nur solchen gesagt, die, nachdem sie gesündigt haben, unter ihren Sünden ermattet und bedrückt seufzen: sie sollen einen Grund haben, um sich aufzurichten und zu trösten, damit sie sich nicht in Verwirrung und Verzweiflung stürzen. So sagt Paulus, Christus sei uns zum Versöhner gemacht, zur Vergebung für die voraufgegangenen Missetaten (Röm. 3,25). Damit leugnet er nicht, daß wir in Christus eine dauernde und beständige Vergebung der Sünden empfangen bis zum Tode hin; aber er gibt zu verstehen, daß Christus vom Vater nur den armen Sündern gegeben ist, die unter dem Brenneisen des Gewissens verwundet sind und sich nun nach dem Arzte sehnen. Solchen Menschen wird Gottes Barmherzigkeit dargeboten. Wer sich aber aus solcher Straffreiheit den Anlaß und eine zügellose Freiheit zum Sündigen begründen will, der tut nichts anderes, als daß er Gottes Zorn und Gericht gegen sich hervorruft.

IV,15,4

Ich weiß nun freilich, daß sich allgemein eine andere Ansicht durchgesetzt hat: danach erlangen wir nach der Taufe die Vergebung durch die Wohltat der Buße und der Schlüssel(gewalt), während sie uns in der ersten Wiedergeburt allein durch die Taufe zuteil wird. Aber die Leute, die sich das erdichten, befinden sich darin auf einem Irrweg, daß sie nicht bedenken, wie die Schlüsselgewalt, von der sie reden, dergestalt von der Taufe abhängig ist, daß sie auf keine Weise von ihr getrennt werden kann. Der Sünder empfängt die Vergebung durch den Dienst der Kirche, das heißt also: nicht ohne die Predigt des Evangeliums. Was hat diese nun aber für einen Inhalt? Doch den, daß wir durch Christi Blut von unseren Sünden gereinigt werden! Was aber ist das Zeichen und Zeugnis dieses Reinigungsbades anders als die Taufe? Wir sehen also, daß jene (kirchliche) Lossprechung (in der „Schlüsselgewalt“) zur Taufe in Beziehung steht.
Der Irrtum, von dem ich hier rede, hat uns nun das ersonnene Sakrament der Buße erwachsen lassen, von dem ich schon manches kurz ausgeführt habe und den Rest an dem dafür vorgesehenen Platz behandeln werde. Es ist nun aber nichts Verwunderliches dabei, wenn die Menschen, die in der Grobheit ihres Wesens maßlos an äußerlichen Dingen festhängen, auch in diesem Stück den Fehler an den Tag gelegt haben, daß sie sich mit der reinen Einrichtung Gottes nicht zufriedengaben und deshalb neue Mittel aufbrachten, die sie sich selbst ausgedacht hatten. Als ob die Taufe nicht selbst das „Sakrament der Buße“ darstellte! Wenn uns die Buße nun für das ganze Leben anempfohlen wird, so muß auch die Kraft der Taufe bis zu den gleichen Grenzen ausgedehnt werden. Daher unterliegt es keinem Zweifel, daß alle Frommen sich im ganzen Lauf ihres Lebens, sooft sie vom Bewußtsein ihrer Sünde gequält werden, ihre Taufe wieder ins Gedächtnis zu rufen wagen, um sich dadurch in der Zuversicht auf jene einige, dauernde Abwaschung zu stärken, die wir im Blute Christi haben.



Aktualisiert (Mittwoch, den 21. April 2010 um 00:25 Uhr)